Zu einem Kommentar auf 11freunde.de

Der gute und wichtige Artikel Zu den Hasskommentaren auf unserer Seite auf 11freunde.de machte ja heute zurecht die Runde. Sehr lesenswertes Statement der Redaktion.

In der Kommentarspalte darunter finden sich viele positive Reaktionen, aber einige ablehnende Kommentare mit scheinbar guten Gründen sind auch dabei. Ich bin über den hier gestolpert:

Doch, es ist pauschal. Bei mir sind sie nicht “welcome”. Aber nicht wegen Ihrer Nationalität oder Hautfarbe, sondern weil ich weiß, wer diese Leute jahrelang durchfüttern muss. Wir, die Mittelschicht. Nicht die Politiker und schon gar nicht diese nutzlosen Antifaspinner in de Kurven.

Ich habe Familie und einen bescheidenen Wohlstand. Dafür müssen meine Frau und ich hart arbeiten. Ich bin nicht bereit, nur noch für andere arbeiten zu gehen. Für mich ist das eine kühle und rationale Rechnug. Solange unsere Straßen so aussehen wie sie aussehen, solange es Rentner am Existenzminimum gibt, solange ich Soli zahle und solange die Sozialbeiträge weiter durch die Decke gehen, haben wir mehr als genug eigene Probleme. Wenn die Leute ein besseres Leben wollen, sollen sie dafür kämpfen und arbeiten.
Ich weiß, dass das egoistisch ist, aber hässliche Bilder an den Grenzen Europas sind für mich das kleinere und wahrsheinlich unausweichliche Übel, wenn wir nicht mit untergehen wollen.

Den Tonfall (“nutzlose Antifaspinner”) und die menschenverachtende Haltung (“kleineres Übel”) mal aussen vorgelassen, und auch die Tatsache, dass der Kommentator seine Meinung so mutig unter Pseudonym veröffentlicht (ich nehme mal an, dass hier nicht der echte Sergej Barbarez kommentiert hat): Was ist dran an dieser Aussage?

Dass diese angeblich kühle und rationale Rechnung – zumindest mittelfristig gesehen – ganz, ganz, großer Blödsinn ist, lässt sich ziemlich schnell mit Daten von der Weltbank zeigen. Die ersten beiden Grafiken, die ich hier eingebunden habe, sind keine wirkliche Überraschung. Es ist weithin bekannt, dass die Bevölkerung in Deutschland weiterhin schrumpfen wird: Von aktuell gut 80 Millionen auf knapp 70 Millionen im Jahr 2050.

Auch keine Neuigkeit ist, dass sie immer älter wird. Der Anteil der über 65-jährigen wird von aktuell gut 21% auf über 32% im Jahr 2050 steigen – gut 22 Millionen Menschen.

Wie drastisch die Auswirkungen dieser Bevölkerungsentwicklung sind auf die Last, die die arbeitende Bevölkerung tragen muss, um Renter (und natürlich auch Kinder, Arbeitsunfähige, etc.) mitzufinanzieren, zeigt der Age Dependency Ratio. Er gibt das Verhältnis der Anzahl von Personen, die nicht im Erwerbstätigenalter sind, zur Anzahl von Personen im Erwerbstätigenalter in einer Gesellschaft an. Für Deutschland sieht die Entwicklung da nicht gut aus: Dieser Anteil wird von aktuell rund 52% auf über 80% steigen. Anders gesagt: Momentan haben wir rund zwei Menschen im Erwerbstätigenalter pro Kind bzw. Renter, im Jahr 2050 wird jeder im Erwerbstätigenalter im Schnitt 0,8 Kinder/Renter mitfinanzieren müssen. Dass der ältere Teil der Bevölkerung (rote Linie) daran einen weit grösseren Anteil haben wird als die Kinder (grüne Linie), zeige die folgende Grafik:

Das Renteneinstiegsalter anzuheben, wird daran nur wenig ändern. Und dass die Geburtenrate plötzlich durch die Decke geht, ist auch unwahrscheinlich (Deutschland ist da eines der Schlusslichter weltweit). Wenn man sich das anschaut, wird schnell klar: Deutschland braucht diese Menschen und muss alles dafür tun, dass sie schnell integriert werden und Arbeit bekommen. Dass das in den nächsten Jahren Geld kosten wird, steht außer Frage. Aber wer die aktuelle Situation nur in nackten Zahlten betrachten will – was natürlich durchaus fragwürdig ist – der sieht schnell, dass Deutschland im Moment eine ziemlich einmalige Gelegenheit hat, sein massives demographisches Problem zu lösen.

Neben den natürlich wichtigen humanistischen und völkerrechtlichen Gründen, die für eine Aufnahme von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten sprechen, muss man sich eines klar machen, lieber Sergej: Diese Leute, die Du so pauschal ablehnst, werden dir einmal die Rente bezahlen.

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