Wie muss also ein guter, schöner Plattenladen aussehen?

hardwax
CC-Hardwax von Merlijn Hoek

Wenn Sebastian durch die Lande zieht, gehen reihenweise die Plattenläden pleite. So ähnlich liest sich zumindest sein Blogpost, in dem er die interessante These vertritt, dass eigentlich viel weniger vom Ende der Vinyl-Kultur gesprochen werden sollte, als vom Ende des »Plattenladens als Verwalter von Platten«. Interessant deshalb, weil zwar einerseits tatsächlich zu beobachten ist, dass immer mehr kleine Vinyldealer die Segel streichen müssen, weil sich ihr Geschäft einfach nicht mehr rentiert – andererseits aber seit ungefähr zwei Jahren Vinyl der einzige Tonträger ist, der mit konstant steigenden Verkaufszahlen gesegnet ist.

Wenn nicht die sinkenden Verkaufszahlen, unter denen die CD-geprägte Seite der Musikwirtschaft ächzt, Schuld am Plattenlädensterben ist, muss das Problem woanders zu suchen sein. Auch hier natürlich: im Internet. Onlineshops haben natürlich erstmal potentiell immer das größere Angebot haben und sind eben rund um die Uhr geöffnet und lassen die kaufwillige Kundschaft nach Neuheiten stöbern, wenn es gerade passt – und nicht nur von 11 bis 19 Uhr. Neben diese zwei Killerargumenten fürs Onlineplattenkaufen kommen gerne noch zwei Probleme für die Offline-Stores dazu. Die sind zwar ladenspezifisch, aber doch in erstaunlich vielen mir bekannten Plattenläden anzufinden, da gebe ich Sebastian absolut recht. Zum einen wäre da das angestaubte Image das Plattenladens an sich, das gerne noch durch düstere Lokalitäten und eine antiquierte Einrichtung befeuert wird. Nicht gerade eine Wohlfühlumgebung für entspanntes Einkaufen. Dazu kommt – noch schlimmer und meinen Erfahrungen nach noch häufiger anzutreffen als Problem eins – übellauniges, kauziges, sich elitär gebendes Personal. Persönliche Bekannte werden mit größter zuvorkommender Höflichkeit bedient. Gehört man nicht zu diesem erlauchten Kreis, wird man in aller Regel mit Ignoranz gestraft. Klingt alles ein bisschen nach High Fidelity Klischees, ist aber dennoch in jedem zweiten Schallplattenfachgeschäft anzutreffen, wenn ich da mal so auf meine persönlichen Erfahrungen zurückschaue. Übrigens ist das missmutige Verkaufspersonal in dieser ökonomischen Nische ausnahmsweise kein deutsches Phänomen (Servicewüste und so), sondern quasi ein international anerkanntes Gesetz.

Wenn es allein an Flair und Freundlichkeit hapert, dürfte es ja eigentlich nicht allzu schwierig sein, einen gut gehenden Plattenladen aufzuziehen. Und in der Tat gibt es Beispiele, die zeigen, wie’s geht. Den Kompakt-Laden in Köln habe ich ja zum Beispiel schon mal über den grünen Klee gelobt. Ein moderner, heller Laden und – viel wichtiger – sehr hilfsbereite und nette Menschen hinter der Ladentheke. Mein Lieblingsladen in Berlin ist einer von den Kleineren, man hört und liest komischerweise trotz des großartigen Repertoires und der kompetenten Beratung selten etwas über Melting Point Records auf der Kastanienallee. Auch bei Hardwax bin ich eigentlich immer recht freundlich bedient worden, soweit ich mich erinnern kann. Wobei hier natürlich das ungemütliche, industrielle Flair zum Programm gehört und von daher eher als Pluspunkt zählt – andere Läden würden für die Einrichtung und allein schon die kaum zu findenden Lokalitäten deutliche Punktabzüge kriegen. Smallville in Hamburg wäre auch noch als einer der sehr sympathischen Läden zu nennen.

Ich könnte die Liste noch fortsetzen, auch wenn ich zugegebenermaßen vor allem bei den Shops, die ich im Ausland besucht habe, oft die Namen vergessen habe. Interessant wäre dann die Frage, ob tatsächlich nur die schäbigen Läden mit unfreundlichem Peronsal den Bach runtergehen. Schaffen es die »guten« Läden, durch Service und ein angenehmes Umfeld wirtschaftlich zu arbeiten? Ich wüsste zumindest keinen Laden, der in letzter Zeit das Handtuch geworfen hat und von dem ich sagen würde, dass es wirklich schade um ihn ist. Hoffen wir, dass ich mit meiner Einschätzung richtig liege und die Guten bleiben. Viele von ihnen gibt es ja leider sowieso nicht.

13 Kommentare

  1. Markus

    Ich würde auch gerne den lokalen Plattenshop in MS mehr unterstützen! Leider fehlt es dem eben genau an der angesprochenen Freundlichkeit! Und zudem bist Du als Kunde von Hip Hop Musik eh der Volldepp, der keine Systeme richtig behandelt (O-Ton: “Ihr HipHopper macht doch Nadeln alle kaputt, die dinger sind Sauteuer” (btw – Jaytec – Nadeln *lach*)).

    Es gibt im Umland schöne Plattenläden (Groove City HH z. B. ) wo ich immer gerne viel Geld ausgebe, aber ansonsten muss man leider auf Online-Shops zurückgreifen…

    Wir können ja zusammen einen Laden aufmachen und das “Game” mit Freundlichkeit, Musik/Plattenkenntnissen und gutem Kaffee gewinnen!

    Ha!

  2. sma

    oh, wow, schön, dass du das aufgegriffen hast. ich habe da natürlich auch noch weiter drüber nachgedacht, nachdem ich den eintrag online gestellt habe. bei hardwax habe ich unterschiedliche sachen erlebt: im januar ist allerdings ein kunde wegen einer lappalie (ihm fiel aus versehen eine platte auf den boden, oder so) dermassen zusammengeschissen worden, dass es schon nicht mehr feierlich war. mir war das zumindest sehr unangenehm. was die industrielle atmosphäre angeht hast du natürlich recht: die ist super.

    für mich immer wichtiger geworden ist in den vergangenen monaten das angebot von online stores, von dem du ja auch schon gesprochen hast. während der hiesige plattenladen zwei, drei neue platten pro woche bekommt, die dann in der regel auch noch ziemlich langweilig sind, kann ich mich bei decks oder deejay durch hunderte neuveröffentlichungen pro woche hören, die auch in der regel vorrätig und im laufe von 24 stunden verschickt sind.

    positiv aufgefallen ist mir groove attack in köln. der ist ja auch eher versteckt, aber wirklich sehr entspannt und mit einer schönen auswahl an altem und neuem. und jeder wird beim reinkommen mit einem netten “hallo” begrüsst. ;-)

  3. Carsten

    @Markus: Mit dem lokalen Plattenladen meinst Du Elpi, nehme ich an? Da bin ich leider auch immer seltener, die Jungs sind ja meist auch nicht gerade die Freundlichkeit in Person. Davon abgesehen gibt es da aber auch einfach mittlerweile kaum noch Musik, die für mich interessant ist.

    Für den Plattenladen musst Du dir leider jemand anders suchen – ich war mal eine Zeit lang auf das Geld, das durchs Auflegen reinkam, ziemlich angewiesen und hab dementsprechend Bookings unterster Sohle angenommen. Damals hab ich mir geschworen, dass Musik für mich immer nur ein Hobby bleiben wird, damit ich sowas nicht noch mal machen muss.

    @sma: Wie gesagt, ich glaube nicht, dass irgendein normaler Laden mit dem Angebot eines großen Onlineshops mithalten kann (mit den Preisen übrigens auch nicht). Das muss dann eben durch eine angenehme Atmosphäre und gute, freundliche Beratung rausgeholt werden – dann gehe ich immer noch lieber in den Laden, als mich bei decks.de durch die Listen zu klicken.

    Bei Groove Attack bin ich auch die zwei, drei Mal, die ich da war, sehr zufrieden gewesen. Cem macht das dort sehr gut. Allerdings war die Stimmung bei meinem letzten Besuch auch eher gedrückt – sie waren gerade dabei, den Umzug ins etwas kleinere Untergeschoss des gleichen Hauses vorzubereiten, weil die Geschäfte eben auch nicht mehr so prächtig liefen.

  4. Markus

    @Carsten: Das mit dem Plattenladen war auch eher nur Spaß – hab ja nen festen Job und will den auch nicht für was halbgares aufgeben!

    Elpi – ja! Da musst Du schon eine Erstpressung von Jonny Cash verlangen/kaufen, damit die dich freundich bedienen! Aber dazu gibts an anderen Stellen genug Forendisussionen!

  5. sma

    meine vorstellung davon war auch immer eher die eines cafes, in dem man auch platten kaufen kann. ziemlich kleine auswahl, immer nur gerade so viel kopien einer platte wie gerade nötig, alles nur nach dem eigenen geschmack. und dann kann man also kaffee trinken und mehr so nebenbei sich auch durch neue veröffentlichungen hören. also noch stärker wert legen auf die vorauswahl im laden selbst. ob so ein konzept allerdings aufgeht, weiss ich allerdings nicht.

    bei groove attack war ich bisher nur zwei mal in den letzten sechs monaten, und da war der laden auch schon im keller. wusste gar nicht, dass der vorher in der oberen etage war. und kompakt ist sowieso noch mal eine sache für sich, weil die ja auch die angeschlossene distribution haben und somit per se über ein großes sortiment verfügen, denke ich.

  6. Ben

    Interessantes Thema in jedem Fall! Ich glaube ja auf lange Zeit gesehen werden die Online Stores das ganze wohl übernehmen. Die HipHopVinyl Jungs haben z. B. ein gutes Konzept. Riesen Katalog online und eine nette Vorauswahl im Selected Store. Allerdings ist z.B. OYE als kleiner Plattenladen ohne dicke Internetseite plus symphatischem Personal wesentlich interessanter. Diggen ist das Stichwort. Und das macht online nunmal nur halb soviel Spass. Es sei denn mann macht es nackt, auf dem kopf stehend nachts um 3 ;)

    Groove Attack ist übrigens wieder “zurück” ins Erdgeschoss gezogen. Die waren früher immer schon da unten, sind dann nach oben gegangen und jetzt seit nem guten Jahr wieder unten. Personal: Super. Atmosphäre: Super. Angebot: Vor zwei Monaten war ich leider eher entäuscht.

    Eine Sache die ich ja öfter feststelle das z.B. HHV einer der größten Mailorder Europas geworden ist oder parallel dazu Juno in Deutschland immer erfoglreicher wird.
    Deswegen: Die Zukunft sind die Online Lösungen. Wohl oder übel..

    Schönen Sonntag noch und was denkt Hannes eigentlich darüber?

  7. Carsten

    Bei HHV bin ich ja ein bisschen geschockt, dass die so erfolgreich sind. Das Repertoire ist zwar mittlerweile auch jenseits von Rapmusik ganz ordentlich, aber die Seite ist einfach eine Katastrophe. Navigation, Sortierung in Genres etc sind jenseits weit davon entfernt, intuitiv zu sein. Aber gerade deshalb haben die oft noch Platten da, die anderswo längst vergriffen sind (habe zum Beispiel gerade noch das Flying Lotus Album da bestellt). Den Store kenne ich noch nicht, musst Du mir beim nächsten Mal in B zeigen (bin Ende April wieder mal da).

    Was Juno angeht: Wenn der Versand von UK nicht so lang dauern würde, dann gingen vermutlich die meisten meiner Bestellungen an Juno oder für die etwas abwegigen Klamottten an Boomkat. Wird Zeit, dass die ein Lager in D aufmachen :)

    Hannes’ erster Besuch im Plattenladen steht noch an – aber ich denke mal, da dürfte er sich wie zu Hause fühlen!

  8. Markus

    Die HHV Seite ist tatsächlich eine Katastrophe, aber wie Carsten schon sagt, man findet Dinge die woanders weg sind und das häufig zu sehr humanen bis sehr günstigen Preisen. Ich bestell da gerne, es geht halt gerne ein Samstagabend dabei drauf, dafür hat man dann viel gutes im Warenkorb.

    Juno? Nie gehört, eher für die House/Elektro-Fraktion oder haben die auch vernünftigen Rap im Angebot. Adresse? Danke!

    So, jetzt Münstertatort!

  9. Carsten

    juno.co.uk – die haben auch eine Hip Hop Section, aber der Schwerpunkt liegt eher im Elektronikbereich.

  10. Ben

    Die Struktur der HHV Seite ist in der Tat fragwürdig. Naja. Kommt Hand in Hand mit den schon genannten Vorteilen.
    Würde mich allerdings auch nicht wundern, wenn die in der nächsten Zeit mit nem semantischen web2.0-über-online-store an den start gehen… mal sehen.

  11. Carsten

    @Ben: Würde mich schon ein bisschen wundern – ich finde, bei der aktuellen Version haben die so viel falsch gemacht, dass ich von den Jungs nicht gerade den nächsten großen Wurf erwarte.

    Ich habe gerade heute noch ein bisschen bei Boomkat gestöbert – den Shop finde ich schon recht weit vorne. Nur diese “Beeps”, die alle 30 Sekunden die Audiofiles unterbrechen, sind ziemlich fies.

    Mit der Struktur bei HHV hast Du natürlich recht – gerade weil der Shop so unübersichtlich ist, haben die oft noch Platten, die sonst schwer zu besorgen sind.

  12. Matthias

    Ich finde HHV gar nicht so unübersichtlich, die Suche funktioniert ganz gut, und die Filtermöglichkeiten nach Tonträger usw. finde ich auch ganz praktisch. Da gibt es IMHO deutlich Schlimmeres.

    Juno ist beim momentan Pfund-Kurs ziemlich interessant und gerade im NuJazz-/Broken Beat-Bereich, wo ich mich gern tummle, allen anderen weit voraus.

    In den deutschen Großstädten gibt’s immer mindestens einen interessanten Laden (Groove Attack in Köln, Optimal in München, usw.), aber danach wird’s schon schwierig. Hier in Mainz bin ich nicht besonders glücklich, daher wird immer mehr online geordert. Aber mir fällt ein: Toronto hat mir in dieser Hinsicht mehr als gefallen ;O)

  13. Carsten

    Hach ja, Toronto… Allein auf Queen Street ist man ja zwei, drei Tage beschäftigt, sich durch alle Plattenläden zu wühlen. Vermutlich eine der besten Städte zum Vinylshoppen in Nordamerika.

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