Die große Depression?

CC-Bunny von TCM Hitchhiker
CC-Bunny von TCM Hitchhiker

Philip Sherburne hat keine Lust mehr auf Techno. In seiner Kolumne The Month in Techno bei Pitchfork lässt er komischerweise genau die Argumente vom Stapel, die man meistens von Leuten zu hören bekommt, die mit elektronischer Musik nichts anfangen können: langweilig, immer das gleiche, kann doch jeder, die nehmen doch alle Drogen – you name it. Dazu noch ein paar Vertriebspleiten, überhaupt der Gesamtzustand der Musikindustrie, steigende Vinylpreise, fertig ist die 4/4-Sinnkrise. Keine Ahnung, wie so was plötzlich kommt – objektiv gesehen gab es schon langweiligere Phasen in den letzten Jahren. Vielleicht ist er einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden an dem Tag, als er die Kolumne geschrieben hat.

Ronan sieht die Frustration eher im Schreiben über Musik (und weniger in der Musik selbst). Die Begeisterung über eine Platte, ein Live- oder DJ-Set in Worte zu packen, ist eben eine schwierige Angelegenheit, die wohl nur selten so gelingt, dass der eigene Enthusiasmus am Ende auch beim Leser ankommt. Einer der Kommentare bringt es auf den Punkt: After all, house is a feeling, not a paragraph.

Um zu Philip Sherburns Kolumne zurück zu kommen: er hatte die fantastische Idee, um die 100 DJs, Produzenten, Labelchefs (und so weiter) um ein Manifesto in der Art von Matthew Herberts Personal Contract for the Composition of Music gebeten. Mein Favorit kommt von Joakim:

As a DJ:

  1. You shall play with a lot of attitude (Bob’s advice).
  2. You shall play at least 80% of recent club hits.
  3. Blogs are better than record shops; don’t worry about the poor MP3 quality because you can’t hear when you play everything too loud.
  4. Never play more than 30% of a track before the next one, and NEVER play a record till its end.
  5. You can play disco, or older music, but only if it’s your last track (this means you’re cool).
  6. You shall make an extensive use of the cue button on your CD player (this means you’re a technical DJ).

As a producer:

  1. No tracks below 125 nor above 135 BPM (what for?).
  2. You shall always overcompress your tracks; it makes you sound huge and this helps hide the poor quality of your sounds (heavy distortion may also do the trick).
  3. You shall use a lot of Supatrigga and Beat Repeat to make your tracks sound technically impressive.
  4. There should always be a big break between the second and third minute for hands-in-the-air action, then bring everything back in.

Dieser ironischen Antwort kann ich sehr viel abgewinnen. Nehmt den ganzen Kram nicht zu ernst. It’s only music, baby.

[Update] So schlimm scheint es doch nicht zu sein.

7 Kommentare

  1. Eikman

    Haha großartiges Bild!

  2. *aid*

    hm, “dance-music-depression”,
    ist interessant, der diskurs, aber
    da kann ich noch nichts merken,
    bin wohl noch zu “neu”.
    deprimierend ist manchmal ein ignorantes publikum,
    da steht man und denkt, “wow, was für ein track”
    und sie scheinen nur zu denken, “was für ein dreck”
    ha ha, aber das ist ein anderes thema.
    man man, also ich kann mich “leider” (in finanzieller hinsicht)
    jede woche für neue release begeistern.
    hast du schonmal in die neue ostgut reingehört?
    (Prosumer & Murat Tepeli SOUNDSTREAM REMIX)
    und wie gefällt dir die neue DJ KOZE
    ???
    beste grüße

  3. Carsten

    Ach ja, für dich ist das alles ja noch neu und aufregend :)

    Die neuen Prosumer / Koze Platten sind beide super. Koze kann keine schlechten Platten machen, glaub ich. Direkt gekauft.

  4. oxmoxmoneybox

    das problem liegt wohl ehr darin das sich die leute nichts trauen, bei den produzenten gehts noch, es gibt schon viele viele bunte neue platten in allen genres nur da muss man sich mal die mühe machen und den kram suchen! das gehört zum job eines guten djs. die meisten djs kaufen ihre platten auf web-recs etc. p.p. und suchen einen producer danach wird nur noch über die empfehlungen vorgehört und gekauft oder gleich die top10 bestellt da isses doch kein wunder das die leute immer den gleichen müll fragen weil sie entweder wissen das der dj andere platten gar nicht dabei hat oder weil sie halt nix anderes kennen.

  5. Carsten

    Stimmt, das ist auch ein Problem. Ich verbringe eine Menge Zeit damit, nach Platten, neuen Produzenten oder Labels zu suchen, die ich noch nicht kenne. Trotzdem ist es kaum möglich, sich alles anzuhören, dafür kommt einfach zu viel Zeug raus. Und die Vorauswahlinstanz Plattenladen fällt ja leider immer mehr weg, von Großstädten mal abgesehen. Das gute daran ist wieder, dass man nun von überall Zugriff auf Platten hat, die man vor 10 Jahren nur in einem Dutzend Läden in Deutschland bekommen hätte. Und da gebe ich dir recht: die Leute – vor allem die DJs – müssten das besser ausnutzen. Es war eigentlich noch nie so einfach, Material für einen interessanten Clubabend zu besorgen.

  6. oxmoxmoneybox

    mucke ist mein hobby, also find ichs gar nicht so schlimm ewig platten durch zuhören… ich bin in letzter zeit sowieso viel außerhalb von MS unterwegs und besuche deshalb auch regelmäßig plattenläden (Sightseeing-punkt nummer1)…
    Ich finde man sollte sich auch nicht auf 3 oder 4 labels festbeissen und deren veröffentlichungen kaufen (mach ich nur bei ACKER & 3000° :D ) die meisten richtig guten platten hab ich ehr durch sets von anderen djs gefunden oder durchs liebe myspace …

  7. Carsten

    Klar, macht ja auch Spaß, immer wieder was neues zu entdecken. Online muss man sich allerdings durch mehr Zeug wühlen, das man uninteressant, langweilig, etc. findet. In einem guten Plattenladen wird man da halt vernünftig beraten und findet so eben neues Zeug, ohne sich durch den großen Misthaufen zu kämpfen. Aber Playlists von DJs, die man mag, sind natürlich auch immer eine gute Quelle.

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