Das böse M-Wort

In Zeiten, in denen House weniger angesagt ist, muss man hin und wieder erklären, dass man zwar House auflegt, das ganze aber mit den Discoboys und Konsorten wenig bis gar nichts zu tun hat, was man da macht. Im Moment läuft das ja anders – man bekommt den Abend gut mit locker schwingendem Zeugs à la Sascha Dive, Agnès, Manuel Tur, Motorcitysoul, Move D und Quarion über die Runden und selbst der etwas verschrobene Sound eines Pépé Bradock ist plötzlich konsensfähig. Und Naserümpfen zu eingängigen Sounds war auch schon mal angesagter. Eine gute Phase für House Music also.

Ein wenig muss ich Tanith allerdings recht geben: mancherorts hat man das Gefühl, dass einfach nur der Sound von vor ein, zwei Jahren weiter durchgezogen wird – nur schreibt man jetzt halt House drauf, weil Minimal ist ja durch. Komischerweise war es zur Peaktime von Minimal genau andersrum: Da gab es nicht wenige Platten, die ich schlicht und einfach als ziemlich klassische Housedinger einsortiert hätte, die dann aber allerorten als der neueste Minimal-Hit gehandelt wurden. Auch die DJ-Sets der Minimal-DJ-Oberliga, allem voran Ricardo Villalobos und Luciano, fand ich eigentlich immer sehr houselastig. Vermutlich sind die Übergänge fließend und man muss eben auch ans Portemonnaie denken und seine Platten in dem Fach im (Download-) Shop platzieren, wo die warmen Semmeln liegen.

So ganz recht geben kann ich Tanith dann aber auch wieder nicht (wobei in 140 Zeichen natürlich auch keine sonderlich abwägenden Ausführungen zu dem Thema drin wären). Nicht wenige der aktuellen Abräumer sind wirklich Houseplatten im ursprünglichen Sinne und haben mit Minimalismus wenig bis gar nichts zu tun. Schaut man zum Beispiel die aktuellen Charts im deutschen Elektronikleitmedium* an, so finden sich allein in den Top 10 schon drei Platten (Soundstream, Sascha Dive, Osunlade), die vom Sound her auch schon Mitte der Neunziger hätten erscheinen können, vielleicht sogar noch eher. Diese aktuelle House-Renaissance ist also wohl doch etwas mehr als die Umetikettierung von Minimal und ich hoffe definitiv, dass das noch eine Weile so weitergeht mit guten Releases für Nächte mit Groove.

[Nein, ich meine nicht den Conrad-Katalog!]

4 Kommentare

  1. BTH

    Glaube auch, dass viele DJs ihren Minimal-Sound in Deephouse umetikettieren (schreibt man das so?). Eine (Deep-)House-Renaissance gibt es aber auf jeden Fall. Könnte zwar immer noch nicht zu tanzen, aber zum anhören sehr schön, was Dive, Aju, Jones und viele andere da fabrizieren. Schade nur, dass das Tempo nicht auch wieder auf 90er-Niveau ansteigt.

    Naja, vielleicht darf es dann ja in drei-vier Jahren auch wieder Techno sein.

  2. Carsten

    Lustig – es kommt bei mir auch immer wieder vor, dass Leute was schnelleres hören wollen, weil man zu meinen Houseklamotten nicht tanzen könne. Kann ich nicht ganz verstehen, zumal ich mich normalerweise nicht über leere Tanzflächen beschweren kann. Aber manche mögen es vielleicht einfach etwas derber.

    Aber auch Techno läuft gerade eigentlich nicht so schlecht, finde ich. Da gibt es schon spannende Sachen, zum Beispiel die ganze Detroit-Renaissance (noch ein 90er-Revival…) und die ersten Fusionen zwischen Techno und Dubstep. Ich glaube, in die Richtung wird noch mehr kommen.

  3. BTH

    Vom Tempo her bin ich schon eher auf 135-140 angelegt. Da tanzt sichs besser. DUbstep liegt ja genau da drin.
    Dieses NeoDetroit finde ich auch ganz cool, auch viele Dubtechno-Sachen können überzeugen, nur es könnte auch wieder mehr Mut zum Höhepunkt und etwas direktere, “härtere” Sounds geben, ohne das es gleich schranzen muss.

    Ich kann auch auf 125 tanzen und auch gerne House oder Eulberg oder so, aber nach zwei/drei Stunden würde ich gerne ins Schwitzen kommen und mal ein wenig ausrasten.
    ODer ums kurz zu fassen: Lieber Berghain als Panorama Bar ;-)

  4. Carsten

    Schön gesagt :-)

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